
Natur
Orano
> Prolog
> Zusammen Wirken
> Das Ganze als Atomistik
> Die Teile als Komplemente
> Synergie als technisches Phänomen
> Orano - Synergie in Autopoiesie
> Epilog
Prolog
Synergie ist einschränkend auf Elemente oder Wesen, die schon existent sind und sich ergänzen. In der Natur ist Verstärkung und Kooperation in einem Netzwerk der Normalfall. Und die Ergänzung bezieht sich auf die Teilhabe an etwas, das erst aus sich selbst entstanden ist, wie Mutter und Kind.
Stärke erlaubt die Teilhabe (mandonad) bei der etwas gegeben wird, ohne es zu verlieren. Das ist so bei den Gefühlen und allen Qualitäten des Lebens. Wenn man Liebe mandonad, dann haben sie anschließend alle. Zuversicht, Leidenschaft, Hoffnung, Trauer und Vieles mehr, lassen Teilhabe im Sinne von mandonad zu
Die Verstärkung von Humus, Wald, Wild, Wasser, Menschen, Sonne, Kleingetier, Bakterien und Pilzen ist mehr als gepuzzelte Synergie - sie führt zu Wachstum wegen Orano.
Zusammen Wirken

συνεργία synergía ist das Zusammenwirken von Lebewesen oder Kräften. Sie stärken sich gegenseitig mit unterschiedlichen Eigenschaften, aber gleichem Ziel. In der Forstwirtschaft lässt der Mischwald eine höhere Effizienz erwarten, in der Chemie, in der Wirtschaft, bei Mannschaftsspielen kennen wir die Vorteile der Kooperation. Synergie wird gemessen und verglichen mit den isolierten Leistungen und Ergebnissen. Die einzelnen Aktionen, Teile, Prozesse oder Mitglieder einer Gruppe, erbringen mehr in der gleichen Zeit, als wenn man die einzelnen Ergebnisse nur zusammenzählt.
Bei komplementären Aktionen oder Wesen, die nur gemeinsam ein Ergebnis bringen können, ist die Synergie und die Verbundenheit eine notwendige Voraussetzung für ein Ergebnis. Wirken Komplemente nicht zusammen, dann gibt es gar kein Ergebnis und folglich auch keine Erwartung an ein ‚mehr‘. Die Synergie kann nur etwas ergeben, die isolierten Tätigkeiten etwas anderes oder gar nichts.
In der Natur lässt sich weiteres Zusammenwirken erkennen, das weder atomistisch, noch komplementär ist. Es soll auch nicht mit dem Begriff der ‚Synergie‘ etikettiert werden, weil die Ergebnisse einer Entwicklung die Randbedingungen für die Weiterführung sind. Sie können auch aus derselben Quelle genährt werden, oder haben an Unendlichem teil. Dieses Vielschichtige und Ziel- und Zwecklose ist von ganz besonderer Bedeutung für das Leben. Es folgt der nächsten, erkennbar guten Möglichkeit, ausgehend von dem jetzt erreichten Niveau der Entwicklung. Es gibt nichts zu werten, zu vergleichen oder zu gewinnen. Und doch erscheint rückschauend eine Entwicklung erkennbar.
Wir nennen es ‚Orano‘, weil wir kein Wort dafür haben, wie sich über viele Einflüsse, mit diversen Prozessen, ohne erkennbare einwertige Kausalitäten, aus unterschiedlichen Richtungen, aus endlichen und unendlichen Quellen, ein Ergebnis einstellt, das zudem noch seine eigene Entwicklung autopoietisch befördert.
Wie düngt die Asche aus Pflanzen den verbrannten Boden, damit neue Pflanzen besser gedeihen? Mit welchem Impuls wird ein Kind aus der Liebe geboren, das später seine Eltern versorgt? Im Orano verschwendet eine Pflanze abertausende von Samen, von denen sich nur Tiere ernähren, aber keine neue Pflanze gedeiht.
Das Orano ist die Voraussetzung für die Harmonie, die wiederum das gute Leben ermöglicht.
Das Ganze als Atomistik
‚Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile‘, so beschreibt Aristoteles die Synergie. Er verdeutlicht das anhand der Buchstaben, die auf der nächsten Ebene des Wortes ‚mehr‘ Sinn stiften. Damit bewegt er sich gedanklich auf der Ebene eines Puzzles. Diese Definition hat erhebliche Einschränkungen, so dass sie für die natürlichen Synergien ungeeignet ist.
Das Mehr braucht eine Endlichkeit und eine Messbarkeit. Erst dann versteht man die Bedeutung. Es braucht auch den Zielbegriff, ansonsten ist es nur ‚viel‘. Viele Sandkörner machen keine Synergie aus, sondern erst der Begriff des Sandhaufens hebt die Bedeutung auf eine neue Ebene.
Wenn in Aristoteles‘ Beispiel nur Buchstaben aneinandergereiht werden, ergibt das Gebrabbel nicht mehr, sondern allenfalls gleich viel: baxzyp bleiben sechs unterschiedliche Buchstaben. Eine Synergie will sich nur einstellen, wenn man vom Ergebnis zurückschaut. Selbst dann muss eine Teleologie im Spiel sein, und das Ziel entsprechend erreicht werden. Das Bild wird in Puzzleteile gestanzt, die für sich genommen weniger Bedeutung haben. Erst muss das nämliche Bild wieder zusammengepuzzelt werden. Gehen 100 Puzzlestücke verloren, dann ist fraglich, ob ein unvollständiges Bild mehr ist, als die Summe der Teile.
Eine Mannschaft ist mehr als ihre Mitglieder, wenn sie nach Regeln mit einem gemeinsamen Ziel agiert. Stehen elf Menschen auf dem Fußballplatz, dann ist das keine Mannschaft. Sie sollten Rollen haben, Regeln akzeptieren, ein gemeinsames Ziel verfolgen, sich untereinander verständigen, selbst wenig individuell agieren und sich mit gleicher Kleidung maskieren. Diese Randbedingungen sind sehr restriktiv.
Die Natur hat solche Randbedingungen in ihren Gemeinschaften ebenfalls. Die Wölfe eines Rudels leben in Synergie und das Rudel ist mehr, als die einzelnen Tiere. Trotzdem ist die Synergie nicht die gleiche, wie bei einer Mannschaft oder bei einem Puzzle. Die Natur hat kein Ziel, außer dem Überleben und der Vermehrung. Die Wölfe wollen nicht gewinnen, sondern weiterleben.
Die Natur hat kein Ziel.
Wenn etwas aufsummiert werden soll, um es mit dem Ganzen zu vergleichen, dann müssen diese Teile von der gleichen Art sein, also Puzzleteile, Sandkörner, Wölfe, Bienen, Buchstaben, beschriebene Buchseiten, Autoteile, Atome, und Ähnliches. Und die Teile müssen endlich sein, denn man kann Unendliches (wie Gefühle, Ideen, Schönheit) nicht summieren.
In diesem Verständnis der Synergie steht vorher schon fest, auf welches Ganze sich die Synergie beziehen soll: ein Bild, ein Buch, ein Wort, ein Auto, ein Rudel, usw. Füllt man die Weisheit des Aristoteles mit konkreten Inhalten, dann stellt man fest, dass man sich in einer Tautologie bewegt. Ein Buch ist mehr als die Summe seiner Seiten - wenn man sie in die Luft wirft. Ein Puzzlebild ist mehr als die Summe seiner Puzzlesteine - wenn man sie nur auf einen Haufen kehrt. Ein Bienenstock ist mehr als die Summe seiner Bienen - wenn man sie tot aneinanderlegt.
Die atomistische Betrachtungsweise von den Teilen geht vom Ganzen aus. Das Bild war schon bekannt, bevor es in Puzzleteile zerlegt wurde. Der Baum stand lebend in der Natur bevor er in Teile zersägt wurde. Das Auto war schon komplett und der Techniker weiß, was es werden soll, wenn er mit dem Zusammenbau beginnt. Das Wort ‚Liebe‘ ist schon bekannt, bevor die einzelnen Buchstaben betrachtet werden: e-i-L-e-b. denn es liegt kein k, y, t, oder v auf dem Papier. Nimmt man ein e weg, wird ‚Leib‘ aus der Synergie, ohne L wird es gar nichts.
In der Technik sind Teile ohne das Ganze nichts.

Das Ganze kann nur mehr sein, als die Summe seiner Teile, wenn es komplett und vollzählig ist. Das Auto kann nur mehr als die Summe seiner Teile sein, wenn ein Lenkrad montiert ist. Eine Tastatur ohne den Buchstaben e ist unbrauchbar. Ein Kühlschrank ohne Motor ist keiner.
Hingegen ist ein Mensch ohne Arm noch immer ein Mensch, wie ein Elefant ohne Stoßzahn ein Elefant bleibt und der Hügel ohne seine Spitze als Hügel erkennbar bleibt. Das natürliche Ganze toleriert fehlende Teile besser. Das Ganze eines Baumes ist nicht so fest umrissen und strikt definiert, wie das Ganze eines Buches.
Auf der Suche nach einem Begriff für das Fehlen von Synergie kommt man nicht weit. Man kann es Teilnahmslosigkeit nennen. Ein Birkenblatt, ein Schuh, eine Biene und ein Mensch sind offensichtlich Teile von jeweils einem anderen Ganzen, aber nebeneinander sind sie teilnahmslos.
Das Mehr in der Synergie des Aristoteles ist infrage zu stellen, wenn die Summe sich auf Teile gleicher Art bezieht und das Ganze schon zielgerichtet geplant ist. Es findet sich nicht ohne Aufwand zusammen, sondern in den Prozess muss Energie hineingesteckt werden, damit das Ganze entsteht. In dem Fall kommt zu der Entstehung des Ganzen neben den Teilen noch die Planung, die Intention, die Arbeiten der Zusammenstellung und des Vergleichs hinzu. Das ist schon mehr Aufwand als die Summe der Teile, ein weiteres ‚mehr‘ ist im Ergebnis entweder nicht nachweisbar oder undefiniert.
Die einfache zweiwertige Logik des Menschen lässt uns das andere Extrem betrachten. Die Teile sind nicht von der gleichen Art, sondern komplementär. Gibt es dann ein Ganzes und ist das ‚mehr‘?
Die Teile als Komplemente

Ungleiche Teile können zusammenwirken und dann erst ihrem Zweck dienen. Das ist eine interessante Konstellation, die in den exakten Wissenschaften eher unter dem Nutzenaspekt diskutiert wird. Eine Briefmarke lässt sich nur mit einem Brief zweckgerichtet nutzen, ein Knopf gehört an ein Kleidungsstück, ein Deckel soll auf einen Topf, das Auto fährt nur mit einem zugehörigen Kraftstoff.
Der Mensch in der technisch materiellen Kultur wird sich nur einen Topf zulegen, wenn er eine Feuerstelle oder einen Herd hat. Er wird nur Tabak kaufen, wenn er eine Pfeife hat. Die Synergie ist in diesen Fällen geplant. Wenn der Ausgang ungewiss ist, spricht man nicht von Synergie. Ein Benzinkanister neben einem Auto ist keine Synergie, ebenso wenig wie eine Glühbirne neben einem Stromkabel, oder ein Fass ohne Boden.
In der Natur werden Komplemente häufig angetroffen, aber aus dem Zusammenwirken entsteht etwas Neues, dessen Ausgestaltung nicht vorhersehbar ist. Ein Nest wird von einem Vogel gebaut und Gras wächst auf der Erde. Diese Zwecke sind aber nicht zwingend und der Nutzen ist nicht das Ziel der Entwicklung. Auf der Erde kann etwas anderes als Gras wachsen und ein Vogel ohne Nest ist weiterhin ein wertvoller Vogel. Männchen und Weibchen
sind erforderlich, damit ein neues Wesen entsteht - man weiß aber im Voraus nicht, wie das Wesen beschaffen sein wird. Und die Zeugung erfolgte wegen der Lustgefühle und nicht aus dem Nutzenkalkül.
Im Leben ist das Ergebnis der Vereinigung komplementärer Wesen mehr als die Summe der beiden, es entsteht ein neues Wesen. Der Tod der Wesen schafft die Basis für neues Leben, er generiert den Humus für neues Leben. Es geht also nichts verloren oder bleibt nutzlos. Bäume oder Sträucher werfen hunderte oder tausende von Samen. Natürlich wird nicht jeder Samen zu einem neuen Baum oder Strauch. Aber jedes Samenkorn, jede Frucht, jeder Sprössling, jeder Grashalm und jeder umgefallene, tote Grashalm trägt zur Natur der Mutter Erde bei.
Ein Baum hat zeitweise Blätter und zu anderen Zeiten hat er keine. Seine Blätter verwandeln sich zu Humus und nähren den Baum selbst - und andere Pflanzen. Diese Art der Synergie braucht einen anderen Namen, denn sie ist der natürliche Prozess, bei dem sich das Wesen selbst seine Randbedingungen schafft, in denen es gedeihen kann. Wir haben das Prinzip des Lebens an anderer Stelle ζωή zoë genannt und ausführlich beschrieben.
Das ist bei den Produkten und Gütern des Menschen undenkbar. Ein Auto wird nie seinen Kraftstoff erzeugen und ein Brief kann keine Briefmarke machen. Ein Auto ist ohne Kraftstoff nutzlos. Tausende Autos, also ein Fuhrpark, ist ohne Kraftstoff nicht etwa mehr, sondern weniger. Millionen gedruckte Seiten ohne Einband sind eben kein Buch, sondern nutzloses Papier. Tausende Deckel ohne Topf sind ein wertloser Deckelhaufen, der außerdem irgendwie entsorgt werden muss. Unvollständige Komplementaritäten sind nicht nur weniger als die Summe beider Güter, sondern weniger als ein Gut.
Komplementäre Beziehungen schaffen Abhängigkeiten, die Vorteile für den Einzelnen in der Beziehung erhöhen und tatsächlich mehr erreichbar machen, als die Summe der einzelnen Fähigkeiten. Fehlt in einer komplementären Beziehung die Bindung, dann ist das Ergebnis weniger als jeweils der Einzelne erreichen kann. Fehlt in einer komplementären Beziehung die Anziehungskraft, die Liebe und die Zeugung, dann entsteht keine Familie und der Einzelne ist noch nicht einmal Vater oder Mutter. Und trotzdem trägt das Wesen zu dem größeren Ganzen bei, zu der Entwicklung der Gesellschaft oder allgemein seiner Art und der Stärkung der Mutter Erde.
Das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen der Technik und dem Leben.
Die Überreste des Lebens werden als Humus oder lebensfördernde Materie von der Mutter Erde aufgenommen, vollständig unabhängig davon, ob sie einen Nutzen hatten oder einen Wert. In der Natur gibt einen keinen Ziel und keinen Zweck, das macht die Entwicklung des Lebens einfach und in jedem Fall ‚erfolgreich‘.
Der Erfolg ist der Tod.
Synergie als technisches Phänomen
Dagegen hat die Technik ein Ziel, das durch einen Nutzen oder einen Wert definiert wird. Die Technik braucht tote Materie, ein Ziel und einen Zweck. Dann wandelt sie zweckmäßigerweise tote Materie in andere tote Materie um. Das geht auch mit der Umwandlung lebender Materie und anschließender Verarbeitung (Wald, Vieh, Wild, Gemüse, …). Der Nutzen oder der Wert werden von der gesellschaftlichen Ethik und kulturellen Setzung bestimmt. Ein Atomreaktor kann wertvoll sein, aber ein abgeschalteter Reaktor ist es nicht mehr. Eine volle Plastiktüte hat einen Nutzen, eine leere hingegen ist eine Belastung für die Natur.
So wird die tote Materie nach einer kurzen Phase der ökonomischen Werthaltigkeit zu Müll, der die Erde bedeckt. Müll ist eine definierte Eigenschaft, die nicht etwa den Rohstoffen immanent ist, sondern vom Nutzen für den Menschen in seiner jeweiligen Kultur abhängig ist.
Die Ökonomie kennt eine große Fülle von Synergien, die als Skaleneffekte diskutiert werden. Sie kommen zustande, wenn die Zeit quantifiziert wird und wenn Bezugsgrößen, wie Fixkosten, Marktpreise oder Marktanteile berechnet werden. Den ökonomischen Prozessen ist gemeinsam, dass sie auf einer messbaren Synergie beruhen und nach der Extraktion ihres Nutzens den ursprünglich wertvollen Zustand verlassen und Müll werden.
Müll entsteht schon bei der Herstellung von Gütern und wird dann meist mit der Anfangssilbe ‚Ab‘ bezeichnet: Abraum, Abwasser, Abwärme, Abfall, ....
Bei komplementärer Materie ist die Synergie der Spezialfall, der eintritt, wenn die Komplemente zusammenfinden und zusammenbleiben. Ansonsten sind sie nutzloser Müll.

Die Biologie erzeugt mit lebender Materie keinen Müll, sondern sichert mit den Stoffwechselprodukten und den abgestorbenen und toten Resten die Randbedingungen für das Leben. Diese Prozessbeschreibung der Synergie leitet zu dem Orano über, das außerhalb der simplen materiellen Synergien das Leben bestimmt.
Das Leben entwickelt sich in die Möglichkeiten (e’a) - in seine Potenziale - und es entwickelt sich ziellos. Es gibt keinen Gewinner in der Metazoë, das Spiel ist infinit. Somit lässt sich kein Grad der Erreichung quantifizieren und folglich auch kein Ergebnis einer Synergie messen - es gibt kein ‚mehr‘ oder ‚weniger‘, sondern eine Kontinuität im Wandel.
Die Autopoiesie des Lebens und der daraus entstehenden Natur lässt sich nicht in eine Synergie umrechnen. Das Leben schafft sich seine eigenen Randbedingungen, die das Leben in seinen Möglichkeiten fördert.
Eine Synergie im Leben ist denkbar, aber nicht messbar.
Orano - Synergie in Autopoiesie
Die atomistisch oder komplementär begründete Synergie ist beobachtbar und sogar messbar. Sie ist vor einer Messskala entweder mehr oder weniger. Synergie ist nur in einem technischen, endlichen Umfeld brauchbar, in dem sowohl der Input - die gemeinsame Energie - als auch der Output - das gemeinsam verstärkte Ergebnis gemessen werden.
Orano ist nicht messbar, es ist ohne Raum und Zeit. Orano ist das Zusammenwirken in der Metazoë, bei den Grundlagen des Lebens, die das Leben sich selbst schafft - autopoietisch. In dieser Spirale wirken Endliches und Unendliches zusammen, Materielles und Geistiges, Gefühltes und Beobachtetes, Gedanken und Handlungen.
Das Leben entwickelt sich in die Möglichkeiten. Ein Baum wächst so hoch, wie es ihm möglich ist. Bienen leben so viele in einem Stock, wie sie ernährt werden können. Der Mensch lebt so lange, wie die Zellteilung sich fortsetzt. Das Kraft des Lebens, die Seele oder Merigo halten die Form des Körpers und stellen sie sogar wieder her. Obwohl die Struktur sich ändern kann. Ein gebrochener Knochen findet sich wieder zusammen, ein herausgetrenntes Stück Muskel kann nachwachsen.
Im Yellowstone Nationalpark reduzierten Rotwild die Vegetation sehr stark, weil sie die Sprösslinge der Bäume abgefressen haben. Wölfe kehrten zurück und wurden nicht gejagt. Sie regulierten das Rotwild und die Flora konnte sich erholen. Das Wild kam nicht mehr zu den Flüssen und so festigten sich die Uferböschungen und die Flusstäler stabilisierten sich. Bäume und Sträucher wuchsen besser und hielten mit den Wurzeln die Erde zusammen. Daraufhin kamen die Vögel zurück und die Bären.Aber es ist nicht nur die bemerkenswerte Fähigkeit zur Heilung und zum Wachstum, sondern auch die autopoietische Rückkopplung, die mehr bewirkt, als Synergie. Die Flora und Fauna verändern selbst die Möglichkeiten und Randbedingungen, in denen sie sich entwickeln. Das ist Orano und das Ergebnis ist Harmonie.
Der Mensch würde gern solche Entwicklungen planen und ein Netzwerk von Kausalitäten bauen, die auf ein Ziel ausgerichtet, diese komplexen Prozesse imitieren. Aber die Natur hat kein Ziel. Der Wolf will nicht die Flussläufe stabilisieren.

In diesem Spiel des Lebens sind auch Synergien zugelassen und notwendig, wie zum Beispiel das Sozialverhalten in der Wolfsfamilie. Sie haben jedoch eine untergeordnete Bedeutung. Die notwendige Bedingung für das Leben ist Orano im Zusammenspiel mit der Natur und dem bios.
Der Mensch würde Synergie und Kausalität gern paarweise verstehen, wie Leben mit vergangenem Leben, Dynamik mit Statik, Kreativität mit konservativer Anpassung, Licht mit Dunkel, Etwas mit Nichts, endlich und unendlich, Leib und Seele, bewusst und unbewusst. Das und noch viele andere Begriffspaare konstruiert der Mensch innerhalb seiner zweiwertigen Logik. Das reicht aber nicht aus, die natürliche Logik ist mehrwertig und die Beziehungen sind multikausal. Das Leben und seine Ereignisse sind für den einfachen Verstand des Menschen ohne Sortierung und Reihenfolge und er kann sie nicht auf einfache Kausalität wie bei einer Maschine reduzieren. Orano taucht jenseits einer physikalischen oder anderweitig quantifizierten Erklärung oder Messung auf.
Orano sind ohne Raum und Zeit. Es ist sinnlos, sich über die Fragen abzumühen, ob zuerst der Leib da ist und dann die Seele hinzukommt. War zuerst das Dunkel da und dann kam das Licht? Gab es das Unendliche schon, bevor der Mensch angefangen hat zu zählen? Findet die Liebe die Schönheit, oder entwickelt sie sich in ihr?
Die Natur, die aus der Biogenese hervorgeht, ist eine Grundlage für das Leben in der Natur, mit allen Wesen einschließlich des Menschen. In diesen Abhängigkeiten steckt mehr als nur Synergie, weil das Zusammenwirken sich auf alle Entwicklungsstufen, auf Immaterielles und auf Ergebnisse und Voraussetzungen gleichermaßen bezieht.
Orano schwingt sich bei Platon in die Harmonie ein. Der cosmos (κόσμος) ist in einer wunderbaren Harmonie. Das gute Leben lässt sich nicht erreichen, indem man diesen cosmos auseinandernimmt und ihn analysiert. Das Tor zum guten Leben steht jedem Wesen offen. Die Suche nach Synergie macht das Tor sehr klein, weil es nur die bewertbaren Beobachtungen durchlässt, die als mehr erkannt werden, mehr als die Summe ihre Teile. Mit Orano aus dem mehrwertigen Zusammenwirken von materiellen, spirituellen, gefühlvollen und zeitlosen Ereignissen und Empfindungen, schwingt sich jedes Wesen, auch der Mensch in die Harmonie des cosmos ein. Er geht in dieser Harmonie auf und wird von ihr durchdrungen.
Orano hat keinen Beginn
Epilog
Wir haben die Synergie vor allem in den endlichen und abzählbaren Systemen gefunden, die zur Grundlage der technischen Kultur geworden sind. Synergie ist ein fragiler Zustand, der leicht zusammenbrechen kann und dessen Bestandteile dann nur mit zusätzlichem Aufwand wieder zusammengefügt in eine gemeinsame Wirkung kommen.
Die Summe seiner Teile ist nur dann weniger als das Ganze, wenn der Aufwand unberücksichtigt bleibt. Für Qualitäten und Gefühle kann das nicht gelten, weil sie nicht summierbar sind - fünfmal Liebe ist nicht mehr, als die ganze Liebe. In natürlichen Systemen wirkt Orano ebenso, wie in den unnatürlichen, endlichen Systemen.
Orano findet sich selbst natürlich und hält sich aufrecht.
Ich gebrauche das altgriechische ζωή zoë als eine Beschreibung für das abstrakte Leben als Repräsentant aus der Unendlichkeit. Leben ist ein Ergebnis des Orano, allein mit Synergie ist es kein Leben möglich. Ein Leben hat sich an dem Gosdalan festgekrallt und in dem Orano mit dem Endlichen die Unendlichkeit verlassen, denn Unendlich mit Endlich gibt Endlich.
An anderer Stelle wird ausführlich besprochen, was aus einer schamanischen Perspektive unter dem Leben zu verstehen ist.
Diese erste Synergie zieht sich durch das Leben - immer. Obschon sich manche Ausprägungen aus dem zoë verändert und angepasst haben, ist die Essenz geblieben. Wir erkennen sie in dem bios wieder.
Gosdalan (Struktur) finden wir ebenso wie die Kreativität in jedem Menschen wieder. Beides ist in Orano im Menschen, wie in jedem anderen Wesen. Der Mensch hat es in unterschiedlichen, individuellen Gewichten in sich. Das macht den Menschen ebenso aus, wie jedes andere Wesen und jede andere Pflanze. Sie haben einen strukturierten Teil aus der Vergangenheit in sich, der das ehemalige Leben verkörpert. Im physikalischen Weltbild ist das die Masse, die stabil bleibt. Und sie haben einen dynamischen energiereichen Teil in sich, der in die Zukunft weist und das Veränderliche, das Werden in das lebende Leben trägt.
Wir finden diese beiden Wesenheiten, das Kreative und das Strukturierte in uns als das Visionäre oder das Gefühl der Dynamik und die Bedenken des Verstandes oder das Beharren in Erfahrungen. Das Eine kann nicht ohne das Andere sein und so haben sie sich gemeinsam aufgemacht, das ζωή zoë zu kreieren.