
Menschen
Schwächen des anthropozentrischen Weltbildes
Was bleibt von unseren Theorien, wenn wir die Voraussetzung fallen lassen, dass der Mensch eine Fortentwicklung in der Stufenleiter der Arten ist? Worüber werden wir philosophieren, wenn der Mensch gar nicht die Krone der Schöpfung ist, sondern der Hai oder die Ameise, die Viren oder die Bäume? Ist das überhaupt trennbar? Können wir den Menschen in die Mitte unserer Betrachtungen stellen, wenn er nicht das letzte und wichtigste Glied der Evolution ist? Das wird wohl nicht zu verbieten sein, weil wir eben Menschen sind, die sich selbst betrachten. Die Wertung mit der wir uns über die Welt der anderen Wesen erheben, ist allerdings kulturell bedingt und nur vor dem Hintergrund der elitären machtversessenen Ethik einiger spezieller Kulturen erklärlich.
In einer ganz speziellen ausdifferenzierten Betrachtung lässt sich versuchen, die Welt anthropozentrisch zu sehen, aber den Menschen nicht als die Krone der Schöpfung. Das ist die Eigenschau des Menschen auf sich selbst und sie ist zu dulden. Jedes Wesen mit Bewusstsein kann ein solches Bild seiner Welt haben. Manches spricht dafür, dass dies ein konstitutiver Bestandteil des Bewusstseins ist.
Jeder Mensch hat eine Welt, das ist seine Welt und das ist die ganze Welt.
Einige Bilder des Menschen aus seiner Welt zeigen eine Abstufung der Wesen nach den Komplexitäten ihres Körper-Geist Aufbaus. Ein Bakterium wäre auf dieser Stufenleiter einfacher aufgebaut als ein Käfer oder eine Spinne. Die seien dann wiederum simpler, als ein Vogel, ein Gepard oder ein Pferd. Jeder Reihenfolge muss ein Bewertungskriterium vorangestellt sein, sonst kann es keine Ordnung geben. In der längsten Zeit der biologischen Evolutionstheorien folgten die Wissenschaftler der ein oder anderen ‚Scala Naturae‘ mit höheren und niederen Tieren und Pflanzen. Das Bewertungskriterium war die Vollkommenheit und der Mensch nahm auf dieser Leiter im Altertum (bei Aristoteles) die höchste Stufe ein.
Im Mittelalter wurde ein anderes Ordnungskriterium eingesetzt: die Gottähnlichkeit. Nach der Ordnung stand der Mensch so etwa in der Mitte und teilte mit den unteren Wesen das körperliche Dasein und mit den Wesen darüber die Seele und die spirituellen Eigenschaften. An der Spitze dieser Leiter stand Gott und zwischen ihm und den Menschen die Engel.
Darwin hat die Ordnung revolutioniert, denn er erfand in seiner Evolutionstheorie den Komplexitätsgrad als Kriterium. Von den untersten einfachen Wesen entwickelte sich das Leben in der Natur zu höherer Komplexität aufeinander folgender Entwicklungsstufen. Damit fehlte nach oben hin die Abstufung und Vervollkommnung durch Seele und Geist. Aber im Weltbild der Zeit waren Körper und Geist ohnehin getrennt und die materielle Entwicklung des Körpers mit deinen Genen und ‚Anpassungsmechanismen‘ reichte aus. Daraus wird dann implizit gefolgert, dass der Mensch ein besonders komplexes Wesen sei.
In der neueren Evolutionsforschung lässt sich das kaum durchhalten. Die Biene ist ein sehr komplexes Geschöpf, das außerdem wertvolle Aufgaben für die Natur und die anderen Wesen übernimmt und zuverlässig erfüllt. Die Frage der Komplexität ist zudem von dem Standort des Wesens aus zu stellen, womit wir wieder bei der anthropozentrischen Weltsicht sind. Hält der Mensch sich selbst für ein komplexes Gebilde der Natur, dann ist er geneigt, andere Wesen für weniger komplex oder gar unterentwickelt zu bewerten.
Treten wir wieder neben uns und in die Mokassins der anderen Wesen, dann ist aus Sicht ihrer Welt der Mensch unterentwickelt. Er kann nicht fliegen, nicht unter Wasser leben, noch nicht einmal in Kommunikation mit den anderen belebten Kreaturen treten. Er sieht nicht gut, er hört nicht gut, er riecht fast nichts und seine Sinne und Gefühle sind so schlecht ausgebildet, dass er sich von der Natur isoliert. Aus Sicht eines Fisches, eines Baumes, eines Virus oder der Erde mag der Mensch einfach strukturiert erscheinen, wenn wir unterstellen, dass die anderen Wesen Arten der Wahrnehmung hätten, die diese Vergleiche ermöglichen.

Dieses Gedankenspiel zeigt, dass die Komplexität von der Betrachtungsebene und den eigenen Fähigkeiten und Konditionen abhängig ist.
Die Hypothese, die Entwicklung der menschlichen Spezies im Rahmen der kulturellen Rahmenbedingungen erfolge in einem natürlichen Rahmen, ist haltlos. Schaut man sich die Explosion der Anzahl der Menschen an und stellt dem die gleichzeitige Abnahme der anderen Wesen gegenüber, so sieht man auf einem Blick, dass dies ein Bruch in der bisherigen langsamen Entwicklung der Arten ist. Eine Fortschreibung der Entwicklung in diese Richtung führt zu einer Monopolstellung des Menschen in dem Sinne, dass er in einer absehbaren Zeit die einzige verbleibende Art auf der Erde ist. Das ist aus Sicht der Erde oder der Natur unmöglich, denn der Mensch kann sich nur von Leben ernähren, nicht von unbelebter Materie. Die Ernährung des Menschen baut auf Leben auf, das auf Leben aufbaut und Leben braucht.
Ohne anderes Leben gibt es keine Spezies Mensch.
Eine Fortschreibung der von den Menschen der technischen Kultur veränderten Rahmenbedingungen führt zu einer weiteren Umwandlung von toter Materie in andere tote Materie. Mineralöl, Kohle, Gas wird in Plastik, Medikamente, Chemikalien und andere unbelebte Materie umgewandelt. Steine, Sand, Ton, Marmor, Kalk und andere tote Baustoffe werden der Natur entnommen und neu aufgeschichtet, um der Natur zu trotzen und sie vom menschlichen Leben fernzuhalten. Lebende Flora wie Bäume, Sträucher, Wiesen werden als tote Materie zum Bau von Häusern, Schiffen, Fahrzeugen, Bahnlinien verwendet oder einfach verbrannt. Die Ausbeutung der Natur ist keine generell menschliche Unart, sondern eine Begleiterscheinung der technischen Kultur seit der frühen Neuzeit.[6]

Die Physik-Kultur läuft dem Prinzip des Lebens auf zweierlei Bahnen entgegen. Die technische Kultur der Macht entnimmt ehemaliges Leben aus den Tiefen der Erde und verengt mit den Umwandlungen die Möglichkeiten des Lebens in der Natur. Die Kultur zerstört bestehendes Leben und bestehende Arten aus anderen Gründen als der eigenen Ernährung. Die Ernährung ist ‚naturneutral’, denn sie wechselt nur die Stoffe.
Die Idee ist abwegig, Kulturen seien aufeinanderfolgende Entwicklungsstufen zur Verbesserung der Lebensqualität der menschlichen Spezies. Die Natur dient nicht der Kultur, sondern lässt sie in ihren Rahmenbedingungen gewähren, oder nicht. Keine Kultur, die sich von der Natur entfernt hat, blieb bisher bestehen. Es sind keine Gründe zu erkennen, warum ausgerechnet diese technische Kultur weiterbestehen wird, die der Natur unsägliches Leid zugefügt hat und die Grundlagen des Lebens zerstört. Es wäre ein Gnadenakt und Geschenk der Natur, wenn sie nur diese Kultur fallen lässt und nicht die gesamte Spezies Mensch.
Von den vergangenen Kulturen ist nur wenig geblieben, was die Lebensqualität dauerhaft auf ein höheres Niveau gehoben hat. Als der Mensch noch in Horden lebte, entwickelte er einen Umgang mit der Natur und vertraute sich ihren Kräften und Möglichkeiten an. Er lernte, die Möglichkeiten für sich zu nutzen und zu interpretieren. Die sogenannten Naturvölker lebten über viele Jahrtausende im Einklang mit der Natur und man kann mit einiger Evidenz annehmen, dass die Menschen in ihrem sozialen Umfeld und in der Natur zufrieden waren. Die Nomaden oder sesshaften Naturvölker in Afrika, Amerika oder Australien haben der Natur vertraut und die Natur hat sie mit allem Notwendigen versorgt.
Auf den Kontinenten lebten damals mehr zufriedene Menschen als unzufriedene. Vielleicht stimmt das nicht in der Gesamtheit, weil weniger Menschen als heute die Erde bevölkert haben. Vor 500 Jahren hat die Weltbevölkerung 500 Mio. betragen (UNO-Zahlen). Auf dem amerikanischen Kontinent lebten rd. 50 Mio. Einheimische und auf anderen Kontinenten wird es ähnlich gewesen sein.[7]
Kehrt man das Argument um, dann kann mit großer Sicherheit gesagt werden, dass auf dem amerikanischen Kontinent damals weniger unzufriedene Menschen gelebt haben als heute. Im Einklang mit der Natur beherbergt die Erde weniger unzufriedene Menschen. Der Mensch kann sich nicht von der Natur trennen und es wäre demnach auch sinnlos, zufriedene Menschen in einer zerstörten Natur zu erwarten. Wegen der Abhängigkeit von der Natur wirkt die zerstörte Natur auf den Menschen zurück und senkt seine Lebensqualität - früher oder später.
